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                 Herr Q.: monatlich ein Prosastück des wachsenden Werks


Inhalt:

I  Ode an die Alchemie der Trauer
II  aus den  "Imaginären Büchern"
III   "Meine Religionen, mit einem Exkurs und einer Legende"




I

  Ode an die Alchemie der Trauer
 
                                                    "Porter son malheur avec fierté." Brel
       Auch, wie jetzt, nicht denken können, nicht sein, was ich bin. Vergessen. Die    schwere Trauer tragen, niedergedrückt, zu Boden, und in Gefahr, allen bösen Geistern zu verfallen, den grauen düsteren Geistern, die schnell das schön gemachte Haus, das in vielfarbiger Trauer erglänzt, in eine öde Stätte verwandeln, die Harmonie zerstören, das Schöne töten, dem kleinsten Papierfetzchen den Halt     nehmen... Öde... 

    
Du meine scheue Trauer, stille, verborgene Schönheit,
du fliehst - ängstigt dich meine Liebe?
Gehst du weg aus Liebe, die sich beweist,
wenn du gehst, verschwindest?
Sollte ich dich vergessen, oder du mich:
Ich bin es, der dich erinnert
Wer du bist, du trauriges verborgenes Wesen, du meine Nacht!    

Ich kann dich tragen, und du bleibst,
zaubernde Frau, verwandelst die Farben
meines Hauses,

das neidische Gelb, voll giftiger Pfeile,
mit dem Zwang, andere zu treffen,
zu verletzen, zu quälen,
in die Ruhe der Herzfarbe Gold,
unumstössliches Sein,
gewachsen den Tränen,
die ihre Milde erfahren,
 
das angriffige Orange, den Goliath der Farben,
lässt du fallen, umbrechen, rüstungslos,
in das leuchtende Rot meines Herdfeuers,
meiner Wärme, meiner Glut, meiner Seligkeit,
und du verzauberst das warme Rot
in den Purpur meiner geheimen Majestät,

das faulige Braun, Zersetzung, Auflösung,
verwandelst du in die schützende Hülle,
in der die Gedanken spriessen, wie keimende
Samen, Nahrung finden wie der Säugling an der Brust,
und die Blumen der Wörter aufgehen und duften wie Glück;
 
das unendliche Blau, den hellen Abgrund über mir,
zu ertrinken wie in einem Ozean, ohne Orientierung,
verwandelst du in den dunkeln Mantel
deines Sternenhimmels, deine Verletzlichkeit zu umhüllen,
deine Wunden zu decken, die Sterne gesät wie Tropfen,
Tränen, die ihre Bitterkeit verloren haben...  

Trauer, du innerster Schutz meine Lebens, vor dem Absturz
in den Abgrund, der Hölle, oder Gottes, unter deinem Mantel
mit dir, verzauberst du den alles zerreissenden,
zerstörenden Schmerz, den Drachen, in die Harmonie
meiner ersten Erscheinung, noch wolkig, schwebend
über den Fluten des Nichts, bis die Worte deiner Augen
mich erschaffen im Himmel meines Gehirns,
und mich den Lehm meiner Glieder finden lassen.  

O meine Trauer, an deiner Hand, in deiner Liebe
Gehe ich, gehe ich - auch durch die Hölle,
anders als Orpheus: ich lasse dich nicht
aus den Augen, du bist unsterblich, aber flüchtig.
Wende ich den Blick von dir, bist du fort,
vergesse ich dich, bin ich allein und verlassen
in der Hölle, aber du bist immer bei mir,
wie dunkel und eng, du sagst nichts,
die Blicke genügen, und wenn du
wehrlos wirkst, nur wer dich liebt, erfährt
deine Stärke, wer mit dir tanzt, deine swingende Sinnlichkeit.

Vergesse ich die Liebe, verwandelst du dich
In die Hässlichkeit der Erynnien,
mit spitzen Schnäbeln,
wortreich krächzend.
Stechen auf die Leber ein,
bis ich den abweisenden Stolz
verliere, mich nicht mehr schäme,
dich zu lieben, in deinen dunklen Augen
mich aufrichte, deine unauflösliche Liebe sehe,
die mich verstört, betört, beruhigt - und ich nehme
den Trauerkranz von deinem Kopf und setze ihn mir selbst auf:
meine Krone.

Wer aber wird, wenn es Zeit ist,
die Krone des Lebens empfangen?



II
(aus "Imaginäre Bücher")

  Ich breche ein in die geschlossene Front meiner Bücher
Presse ihnen Leben ab, ihren schönen Sätzen
Die Plantagen zu verwüsten geradegezogener Sätze
Mit unwirrem Geschwätz, wüchsigwundem Geäder
Und dich, dich grabe ich aus
Mit schnellen Händen aus der Nacht
Der druckerschwarzen Träume
Und schreib auf deine Haut
Als wär sie Pergament
Mein Lebensbuch und ertaste
Die Zeichen der Offenbarung
In den Magen setz ich dir
Den Baum der Erkenntnis
Und er wird sprossen
Wie zu Beginn des Lebens
Als Zeichen unserer ersten Sünde
Mit der wir ins Leben treten
Mit offenen Augen

19.2.06 


III

Meine Religionen
(und ein Exkurs mit einer legendarischen Erweiterung)  

Manchmal versuche ich die Religionen zu zählen, die in mir anwesend sind, und die mich manchmal mehr, manchmal weniger erfüllen. Es gelingt mir nicht, sie zu zählen. Einige vergesse ich, von anderen habe ich nie etwas erfahren, oder sie halten sich vor mir verborgen, wirken aber durch List und Tücke. Es muss bei generellen Angaben bleiben. Da sind Götter und Dämonen von Kontinenten und Inseln, sie tummeln sich in mir. Inseln sind mir vermutlich nah, weil ich auf einer Insel aufgewachsen bin, der nur das Meer fehlt, von dem Reste im Boden-, Neuenburger- und Genfersee geblieben sind, und unsere herabfliessende Ganga, wie der Ganges: der Rhein, Ausfluss unseres Himmelsmeeres. Dazu le Rhône: Zur Sonne! Zum Meer!

In mir finde ich einige von den Göttern Indiens, einige intensiver: Prajapti und die langen Geschichten der Zeit vor der Zeit, Shiva, Kali, diese zwiespältigen, Vishnu, vielfältig, Krishna manchmal auch, nur ist mir seine Verehrung unsympathisch; irgendwo in mir klingt etwas aus diesen Geschichten an, als wäre es schon immer da, nur unausgedrückt. Da sind viele von den Erben Buddhas, vergängliche Interessen, aber Manjusri am meisten, weil er ein Schwert und ein Buch trägt wie das Denkmal Zwinglis: mit dem Schwert die Unwissenheit zu vertreiben, die durch Gewalt und Macht erzeugte, und die Weisheit, die aus den Samen des Buches keimt.

In mir die 613 Aspekte des Gottes mit dem verschwiegenen Namen des jüdischen Schicksals, diese lange Geschichte, hintergründig in meine Wege verschlungen bevor ich war.   Vordergründig der zwiespältige, d.h. dreifältige Pakt der Christen, den selbsternannten Erben des jüdischen Erbes. Fast alle Aspekte jenes Gottes gingen beim erzwungenen Erbgang verloren, bis auf Gericht und Gnade. Mit dem Widerspruch, dass die Gnade nicht allmächtig sein darf, um Gnade zu sein, und allmächtig sein muss, um als Gnade möglich zu sein, und sich folglich auftürmte zu Macht und die nun mit Gewalt regiert. Ich frage mich, ob die 613 Aspekte nicht doch bewahrt wären in den Erzählungen von und zu Jesus, wenn man sie zur Auferstehung zuliesse. Verflüchtigt bleiben sie zu Geist.  

In mir die hundert Namen Allahs, die nicht kenne, nur davon gehört und etwas vom Glanz, den sie beschreiben, mitbekommen habe.
In mir die Griechen mit ihrer unaufhörlichen Sonne im Gesicht, als Männer, und die Geschichten der wenigen Frauen, die unangepasst geblieben sind: Artemis, und die halbgöttlichen Frauen, die Medusa und – Penthesilea. Etwas blass bleiben daneben die mastigen römischen Götter, die gerecht erscheinen, weil sie nichts sehen. Und dann im Dunkel des Verschwindens sind die Gallier zu vermuten, das Innerste direkter, aber verschwundener Tradition Helvetiens.
Nur Wotan und sein Gefolge oder Gelage fehlt. Ich trinke kein Bier, oder nur, wenn ich nicht an Götter denke, sondern ganz einfach Durst habe. 
    
Exkurs
zu den einzigen Göttern und zum einzigen Gott  
Es gibt einige, die die einzigen Götter sind, neben denen es keine anderen gibt. Und das ist ein Problem. Sie schätzen es nicht, wenn man sie in Gesellschaft bringt. Sie reagieren mit der verletzten Wut des Autisten. Ich weiss, wovon ich rede, ich bin auch nicht besser. Es ist eine grosse Herausforderung unter Menschen aufs Tram zu warten, die sich nicht an die eherne Regel des Autisten halten, immer im grösstmöglichen Abstand zum Nächsten zu stehen. Wieviel heftiger wird ein Gott reagieren, wenn ihm zu nahe getreten wird, wenn er (dreifältig) in seiner Ewigkeit wartet, wo doch gar kein Tram kommen kann.  
Etwas anderes als warten kann der einzige Gott nicht tun, seitdem er ins Laufgitter theologischer Sätze und Definitionen gesetzt wurde. Unendlich muss er sein, sozusagen die Liebe selber, ohne zu erfahren, was denn mit Liebe gemeint ist; unwandelbar, in ewiger Ruhe aktiv, man schreibt ihm vor, was er zu tun und zu lassen hat. Seine Aktivitäten, wenn es sie gibt, lösen Empörung aus: also dass Gott so etwas zulassen kann! Gewisse erwarten, dass er jeden menschlichen Sexualkontakt misstrauisch betrachtet und prüft, ob der Kinderwunsch auch wirklich dominant sei. Gibt es Konflikte, muss er einfach nur dagegen sein, nämlich für den Frieden, den sich die Menschen wünschen. Man erwartet, dass er gegen das Böse ist, das Böse vernichten will, und dass er zu diesem Zweck die Hölle einrichten und betreiben muss. Er muss zu allem fähig sein, aber rätselhaft bleiben, weil er das, was man von ihm erwartet, dann doch nicht tut.  
Er wird definiert und beschrieben. Kein Mensch würde es ertragen, derart fremddefiniert und fremdbestimmt leben zu müssen, im Käfig theologischer Traditionen. Vielleicht beweist das am meisten seine mögliche Grösse, dass er das alles erträgt.  

Es gab andere Zeiten, da erzählte man noch Geschichten von seinem Zorn, von seiner Rachsucht, von seiner Liebe, seinem Begehren nach einer Frau, sei es nun Astarte oder Israel gewesen. Aber je mehr seine Präsenz auf Erden institutionalisiert wurde und schlagkräftige Organisationen die richtigen Definitionen Gottes in die Hand nahmen, desto weniger konnte er seine emotionalen Seiten oder gar Schwäche zeigen. Er durfte nicht mehr weinen, nicht traurig sein, keine Zärtlichkeit zeigen. Es wurde alles hart, sogar die Liebe wurde unerbittlich, und aus dem Zorn wurde gerechtes Gericht.
Beleidigt über alles und jedes konnte er in seinem Käfig donnern, schnauben oder was auch immer, seine Institutionen fanden den angemessenen, menschengerechten wirksamen Ausdruck, setzten die gediegenen apologetischen Wörter. Da sitzt er in seinem Käfig von Wahrheitssätzen gefangen, alle singen Halleluja. Wäre es nicht schön, er könnte einmal eine Zigarette rauchen oder sonst etwas Ungesundes machen. Oder statt in Sakramenten verborgen theologische Liebe (agapä) zu versichern, mit seinem Finger zum Segen das Kind berühren, was seine Einsamkeit mildern würde. Sicher wäre dann seine Magenverstimmung gemildert, und er müsste nicht über alles und jedes aufs heftigste und in alle Ewigkeit verstimmt sein.

Aus dem Käfig hilft ihm nur eine Legende:  
Es begab sich, dass sich seine Platzhalter auf der Welt, Theologen, Professoren, Pfarrer, Bischöfe, Kirchenräte und Päpste, aber auch Oppositionelle, Protestanten, führende Atheisten mit ihrer reziproken Theologie und Teufelsanbeter, sogar einige Frauen, gleichzeitig vor der Himmelspforte einfanden und anklopften. Petrus, wie zu erwarten, schlurfte herbei, öffnete die Pforte und hiess sie willkommen. Dann sprach er: Ihr wollt zu Gott?  Ich bedaure es, aber wir wissen nicht, wo er ist. Wir haben keine Verbindung mit ihm. Wir halten den Betrieb aufrecht, wie ihr auf Erden auch. Da entstand ein gewisser Tumult: Wo ist er? Er muss doch hier sein! Petrus machte ein gequältes Gesicht: Ich sagte doch, wir wissen nicht, wo er ist. Er hat einen Zettel hinterlassen mit den Worten "Die Fantasie an die Macht!", gross, quer über das Blatt, und darunter hinzugefügt "Das wird euch frei und selbständig machen". Nun sitzen wir da und fragen uns, was das heissen soll "selbständig". Wir sind uns nur die rechtschaffene Harmonie des Himmels gewöhnt. Nun aber ist die Stimmung gedrückt, um nicht zu sagen depressiv. Niemand mag mehr singen. Auch in der Hölle hat sich Hoffnungslodigkeit ausgebreitet. Die ewigen Perversionen sind plötzlich nur noch langweilig. Die Suizidrate unter Teufeln und Dämonen ist in erschreckende Höhen gestiegen, und der Satan ist nur noch ein Häufchen Elend. Wir werden den Betrieb bald schliessen müssen. Gott aber – wir vermuten, er schwebt durchs All und besucht die Sterne. Und mit einem sehr säuerlichen Lächeln fügt Petrus noch hinzu: ... in Begleitung der Schlange.  
Petrus schwieg. Dann redete er vor sich hin, als wüsste er nicht, was er sagte: Dort schweben sie herum und streuen Magie ins All, und die Sterne leuchten noch siebenmal bedeutungsvoller. Gott und die Schlange schwimmen durch die Illusionen, die das All ausgespannt hat in seiner fortschreitenden Ausdehnung. Illusionen: Du blickst zu den Sternen und fühlst deine volle Gegenwärtigkeit, aber was du siehst, war vor langer Zeit. Du siehst die Vergangenheit von Millionen von Jahren, und die Gegenwart, die du nicht sehen kannst, liegt in Millionen von Jahren in der Zukunft. Die Sterne verwirren dich mit ihrem längst vergangenen Licht und begleiten dich in deine Zukunft aus ihrer Vergangenheit. Gegenwart ist etwas anderes. Das Begehren, das du fühlst. Ist es nicht doch die Schlange, die alles mit Begehren erfüllt – was wäre das Leben ohne etwas oder jemanden zu begehren, die einzige Gegenwart des Lebens? Petrus sprach heftig und bewegt. Was wäre das Leben ohne den lasziven Tanz der Schlange, ohne das Gift, das auch den Tod bringt? Ohne das Begehren, das quer durch die Zeiten schwimmt, von Stern zu Stern, und das dich aus dem Wirbel der Erinnerungen in deinem Bewusstsein entstehen lässt...? Dann blickte er alle an und fuhr fort: Ist es die Schlange, die im Himmel – und in der Hölle – fehlt, oder ist es Gott selbst, die letzte Illusion unseres Begehrens? Petrus schwieg, alle schwiegen. Das grosse Schweigen, das man schweigt, wenn man weiss: Wir stehen erst am Anfang.