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Oktober / November 2010

Die Diagnose  

     "Arbeiten bedeutete immer, am innersten Problem vorbei tätig sein zu müssen, ins Leere zu gehen, als Fähiger zu erscheinen und zur Erlösung beizutragen und genau dadurch verlassen zu bleiben." J.Q.  
     "Ich lebe, weil man das wollte, aber nicht als ich. Ich habe keine Aufgabe, und es hat keinen Sinn zu leben. Das ist das Paranoide." J.Q.
     

"Wissen Sie, Herr Q., man kann mit Wörtern verschieden umgehen," hatte der Doktor gesagt. "Man kann sie als Urteil verstehen, und, wenn man will, sogar als Todesurteil, das über dem Leben hängt, oder als Ansporn, als Aufgabe, sogar als Auszeichnung, wenn man will." Herr Q. wiederholte die Worte in seinem Kopf, wie um sie sich einzuprägen, damit er sie nicht vergesse. Der Doktor hatte sie doch als Trost gemeint. Er hatte sie ihm zum Abschied mitgegeben. Herr Q. lächelte. Eigentlich, sagte er sich mit dem Triumph, den er sich mit seinem scharfen Verstand zu verschaffen pflegte, eigentlich gibt er mir nur die Aufgabe zurück, die unlösbare Aufgabe, derentwegen ich zu ihm gegangen bin, und tröstet mich damit, dass ich doch an allem schuld sei. Trost  wozu? Was meint er eigentlich? Verschiedene Bedeutungen – warum sagt er das mir? Mir, wo er doch weiss, dass ich mit Sprache arbeite und davon lebe, dass ich mein ganzes Leben, das unterdessen auch nicht mehr kurz ist, nichts anderes versucht habe, als den Wörtern andere Bedeutungen abzugewinnen, andere Bedeutungen abzuquälen - all den tödlichen Wörtern, die einen umschwirren, und ihnen Leben abzuringen, um selbst aus dem Grab der Sprache zu auferstehen, den Weg zu finden in ihrem Dickicht zu mehr Glück, als zu empfinden möglich war.
Warum sagt er das mir?
Wut stieg in Herrn Q. auf, die bekannte verzweifelte Wut über Wörter, die auch mit einem Verbrechen nicht zu sühnen wären. Die freundlichen Wörter voll schneidender Missachtung. Beschämt und angeekelt spürte er, wie sehr er sich gewünscht hatte, dass der Doktor ihm Verständnis entgegen bringen und dass er seine Fähigkeiten anerkennen würde. Er hatte gehofft, einen Verbündeten zu finden im Widerstand gegen die angespannte Dunkelheit, die in ihm herrschte, aber jener war wissend – und er kam sich dumm vor und verraten. Er war wiedereinmal einem dieser betitulierten Akademiker in die Falle gegangen. Wütend krallte er sich in sich zusammen. Die Wut drohte ihn zu zerreissen – natürlich, das war ja ein Symptom, nur ein Symptom. Alle seine Gefühle waren nur Symptome, Krankheitssymptome, besonders diese Wut über den Doktor, der es doch nur gut gemeint hatte. Wahrscheinlich hatte er Angst, ich könnte mich noch umbringen. Aber Herr Q. sagte sich, dann bringe ich besser ihn um. Nur: das würde er natürlich nicht tun.

Herr Q. blieb stehen, er bewegte sich in wohlbekannter Gegend, aber jetzt betrat er ein Café, an dem er sonst achtlos vorüberging, weil es ihm zu dunkel war und er dort nicht lesen konnte. (Genauer: Er war schon zweimal dort gewesen, aber nicht allein, einmal vor anderthalb Jahren und einmal vor einem halben Jahr – aber das sind andere Geschichten; jedenfalls ist es ausserordentlich, dass Q. nicht allein irgendwo gewesen ist, und entsprechend emotional und versteckt ist seine Anhänglichkeit an diesen Ort, der darum nicht zu seinen gewohnten Orten zählen konnte.) Er setzte sich in die Ecke, die frei war, aber nur eine halbe Ecke war, ein Mauervorsprung, der die Reihe der Tischchen der Wand entlang abschloss und vor sich die Theke und den Durchgang zu den WCs offenliess. Hier war Herr Q. recht wohl und sein unwohles Gefühl breitete sich sofort wieder in ihm aus, stieg in ihm hoch und verhinderte für einige Zeit seine intellektuelle Gedankentätigkeit, mit der er sich über die verzweifelte Mangelhaftigkeit seines Lebens hinüberrettete in eine Zukunft, die sich nicht von der Vergangenheit unterschied, vor der er sich mit etwas Hoffnung im Hintergrund retten wollte. (Seine Besuche im Café waren konkrete Rettungs- bzw. Beziehungsversuche gewesen, die genauso misslungen waren, wie alle vorherigen. Er musste sich eingestehen, dass seine Unfähigkeit, Beziehungen, intime Beziehungen, einzugehen, ihn zum Gespräch mit dem freundlichen Doktor getrieben hatte. Er war also, genau betrachtet, an den Ort zurückgekehrt, wie ein Verbrecher, an dem sein Unglück seine letzte Wendung genommen hatte.)

Er bestellte einen Espresso, zündete sich eine Zigarette an, blickte über die Köpfe der anderen Gäste hinweg auf die Strasse und den Fluss, der heute ruhig floss. Fetzen des Gesprächs mit dem Doktor kamen ihm in den Sinn, dazwischen sah er ganz deutlich vor sich, wie hier, an diesem Platz, B. ihn mit einem tiefen Blick angeschaut und gesagt hatte, dass sie ihn auch sehr liebe. Er hatte ihr dasselbe gesagt. Nur wollte er nicht in Konkurrenz zu ihrem Freund treten, warum eigentlich nicht. Er hatte sich eingeredet, dass er B. doch eigentlich gar nicht gewollt habe, sie sei es ja gewesen, die angefangen hatte, und was man sich sonst noch so alles einredet in solchen Fällen. Natürlich, auch das war nur ein Symptom, sagte er sich, was ihn aber augenblicklich völlig mutlos machte und in Verzweiflung trieb. Weiter als zu Symptomen kam er nicht, und konnte er nicht kommen. Er konnte in den Spiegel gegenüber blicken und die Symptome als oberflächlche Allergien seiner Seele sehen, als Reaktionen, chemische Reaktionen, auf den Kontakt mit der Aussenwelt anderer Menschen.
Aber vom Doktor hatte er nur eine Diagnose bekommen und den Rat, sich doch einmal zu überlegen, ob ihm nicht Pillen helfen könnten, aber Q. hatte ihm darauf nicht geantwortet, ein Sennentuntschi wäre hilfreicher und mit weniger Nebenwirkungen belastet. Er sagte es nicht, er spürte jetzt beim Kaffee, dass er sich geschämt hätte, sein sexuelles Versagen so offen zuzugeben. Genau so ist es, sagte sich Herr Q., lieber quäle ich mich durch Verzweiflungen und Ängste, lieber fühle ich mich leer und als Nichts, als zuzugeben, dass die Frauen mich nicht wollen, oder, wenn sie mich lieben, auf Distanz halten. Impotenz nannte das Herr Q. bei sich selbst, obwohl er genau wusste, dass er im eigentlichen Sinn nicht impotent war. Wer war denn da impotent?
Seine Wut auf den Doktor stieg wieder auf: dieser anpasserische Aufsteiger, wahrscheinlich bewunderte er noch immer seine Professoren oder die Bücher, die er gerade gelesen hatte, Fachbücher natürlich, als ärztliche Autorität. Anpassung an die Position als Potenzsteigerung. Hätte er ihm die Pillen sofort verschrieben, er wäre noch in die Apotheke gegangen und hätte sie gekauft. Die Spams auf seinem e-Mail-Konto kamen ihm in den Sinn. Täglich versuchten sie ihm drei bis siebenfach Viagra anzudrehen. Er hätte sich lieber eine Dämpfung verschafft. "Übertriebene Empfindlichkeit" hatte der Doktor gesagt; "bei ihrer Diagnose würde ich es mir nicht mehr so lange überlegen. Sie sollten meiner professionellen Hilfe vertrauen". Herr Q. lächelte bitter: Vertrauen, bei dieser Diagnose! Wusste der Doktor überhaupt, wovon er redete?   Da betrat der Servierer das Café, der ihn vor einem halben Jahr bedient hatte und ihn immer noch kannte, und grüsste. Vor einem halben Jahr war er mit A. hier gewesen. Sie hätte eigentlich schon gehen müssen, da sie mit einer Freundin abgemacht hatte. Aber sie wollte noch in dieses Café, so konnten sie noch etwas zusammen sein, und sie hatte blind bestellt, ohne lesen zu können, was auf der kleingedruckten Karte stand, einfach das Oberste, und sie bekamen zwei riesige bauchige Gläser mit einem rosaroten Getränk, und es muss ausgesehen haben wie zwei frischverliebte Teenager, was auch der Situation entsprach, sie waren verliebt, wenn sie es auch beide nicht sagten; darum ging es dann weiter, wenn auch nicht besser. Vorerst.  

Heute war es ruhig im Café, einige Leute redeten und lachten locker in der anderen Ecke, der Servierer machte seine Sprüche, Herr Q. war ganz wohl und blickte in seinem ungerichteten Nachdenken auf den Fluss hinaus. Das Grauen lag in seinem Magen, eingerollt wie ein treuer Begleiter, ein Hund in seinem Korb. Das Grauen? Kein Todesurteil, nichts, oder doch? Er sah die Welt vor sich, die Leute, die vorübergingen, und über diesem normalen Bild, wie als synchrone Doppelbelichtung das nur schattenhaft angedeutete Bild einer allgemeinen Verleichung, und sich selbst - er betrachtete seine Hände, seinen Körper, unversehrt, abgesehen von den Spuren des Alters – sich selbst wie frisch aus dem Sarg geholt, exhumiert, ein Bild des Grauens. Was blieb ihm noch übrig? Die Diagnose war eine Falle. Zeigte er sich einsichtig, war er sowieso krank, wenn er wirklich krank war, wie der Doktor sagte. War er nicht wirklich krank, aber einsichtig, war er von Krankheitswahn geschlagen und auch nicht gesund. Ohne Krankheitseinsicht und ohne Krankheit musste man sich doch fragen, warum er zum Doktor gegangen war; da musste doch etwas sein, man musste nur die richtige Codierung finden. War er krank, hatte aber keine Krankheitseinsicht, hatte er ein Symptom mehr; und man musste sich Sorgen machen, ob seine Erkrankung nicht schwerer war, als zuerst angenommen – und die Fragen des Interwievs mit den Doktoren und Psychologen würden hinter der angenehmen Freundlichkeit einen lauernden Unterton bekommen und die Beprechungen in seiner Abwesenheit höhere Dringlichkeit, und für die Durchführung von Therapien und Massnahmen würde man ihn nur noch fragen, um seine Zustimmung zu erhalten, zwingen würde man ihn so oder so. Die Logik der Diagnose. Wie könnte er dieser Falle entwischen? Wieder überflutete ihn die Wut. Die Beklemmung. Der Druck im Magen. War es wirklich Wut? Herr Q. horchte, horchte in sich hinein, versuchte zu hören, was sein Magen ausdrückte, versuchte die Wörter zu lesen, die aus seinem Gehirn hervorschossen.
 
Er hörte, er blickte lange, lange. Plötzlich der Gedanke: es ist nicht Wut, es ist, hinter diesem Schmerz auf der Seelenhaut, Energie, nicht irgendwelche, er konnte doch nicht esoterisch denken, hatte diese Weisheiten nie verstanden – es war seine eigene Energie (Vitalität hatte man ihm ein anderes Mal gesagt: das Kainsmal). Lebensenergie, eingeschlossen in ihm selbst, er war, dachte er angestrengt und dem Weinen nahe - ja: nahe, endlich Nähe – er war sein eigener Sarg. Rasch packte er einige Notizblätter aus und schrieb hastig, dass man sprechen müsse, nicht die "schönen Worte" der "schönen Seele", die sich der Welt hingibt, indem sie sie in moralischer Entrüstung über alles und jedes überwindet, was sich aus menschlicher Kultur ergibt, und die Entrüstung in Sorgen umgiesst, wenn sie, die Seele, die auf Erden wandelt, eine gute Seele sein will, und, wenn sie auch noch wissenschaftlichen Anforderungen genügen will, die Sorgen in sorgfältig ermittelte Diagnosen umgiesst, wo dann die Ausflüsse der Entrüstung, die eigentlich eine Aufrüstung ist, erstarren – als Verdoppelung der Sarges, der schon vorhanden ist. Die hygienische Verpackung des Schmutzes, die weniger schöne Seelen von sich geben, ein Schmutz, den die Schöne Seele in ihrem psychischen Putzfimmel zum Verbrechen erklärt und aus Humanität die Strafe in Krankheit umwandelt.
Herr Q. hielt etwas inne, dann schrieb er weiter. Sprechen muss ich, das sage ich mir selbst, schrieb Herr Q. auf die Rückseite des Blattes, auch wenn es eine Zumutung ist. Ich muss mir meine Sprache erobern. Ich muss sie zwischen den Wörtern suchen, die nichts sagen, aber darauf angelegt sind, ihre Formen in meine Seele einzusägen wie in einen Marmorblock, um aus mir eine schöne Gestalt herauszusägeln, die nie die meine sein wird. Man weiss, dass Marmor, Stein und Eisen brechen, was doch nur heisst, dass ich in der Schönheit, die ich haben sollte, aber nicht habe, so oder so zugrunde gehen würde, dass alle Schönheit der Seele nur die Vorwegnahme des Todes ist, und dass Moral die Steine nicht zu Brot macht und man sie ja auch nicht essen kann. Wieder setzte Herr Q. ab. Stille. Sehnsucht nach dem Bösen hatte ihn gepackt. Er wusste zwar nicht genau, was er damit meinte, es blieb diffus in seinem Kopf. Es hatte mit dem Körper zu tun. Er meinte nicht Verbrechen oder Politik, nicht das, was in den Zeitungen stand. Er meinte das Böse, das mit dem Guten zusammenfloss und eines wurde: Leben. Oder solches, wie er es vor kurzem gelesen hatte: "Sobald man auf die Strasse tritt, unter den Blick der Leute, ist 'Ausrottung' das erste Wort, das einem in den Sinn kommt" (Cioran). Dieser Grimm war es, was Herr Q. sich wünschte.

In diesem Wunsch sass er da und fühlte sich viel besser. Das hatte doch anders gelautet im Munde des Doktors: "Nachtragend bei Kränkungen mit Neigung zu ständigem Groll"? Er wühlte in seiner Tasche, er wollte die Fotokopie nochmals lesen, die der Doktor ihm mitgegeben hatte. Von sieben Punkten hatte er drei ganz und zwei halb angestrichen, weil sie auf ihn zutreffen würden. Das ist richtig, hatte Herr Q. geantwortet, aber es ist nicht wahr. Lächelnd hatte der Doktor diesen Satz übergangen, er hatte ihn wohl als Symptom verstanden. Nein, nein, es war, wie alle Symptome, der Protest des Individuums gegen die Normierung, gegen die Normierung, die mit sanfter oder deutlicherer Gewalt erzwungen werden sollte. Die Reduktion des Menschen auf eine Funktion. Trost-Pfarrer-Pflaster zum Beispiel, oder Sexpuppe, hochbegabter Schüler, oder wie Herr Q., angepasster Intelligenzler. Die einzelnen Diagnosepunkte mochten zutreffen, aber das waren doch nur die Wirkungen seines Lebens, keine allgemein gültigen Symptome, die jeder andere auch haben könnte. "Übertriebene Empfindlichkeit auf Zurückweisung und Zurücksetzung", ein Symptom? Es war doch sein Fleisch, sein Körper, der die Streiche der Zurückweisung empfangen hatte, während rund um ihn herum von Streicheleinheiten geschwätzt wurde, sein Körper war es, der isoliert und einsam blieb, in dem sich die Streiche als Wunden eingegraben hatten und als Narben, wie die verstochenen Adern der Fixer, den Körper, den imaginären Körper, fügte Herr Q. sich selber gegenüber spöttisch hinzu, bedeckten.

Ärgerlich las Herr Q. 'Tendenz zu überhöhtem Selbstwertgefühl'. Überhöht? Bei seiner Intellienz, bei seiner geduldigen Lebensweisheit, bei seiner diabolisch-genialen Introspektion, die er praktizierte wie andere Meditation und Drogenerfahrungen! Wer misst das, wo wird der Masstab gelegt? Herr Q. stellte fest, dass die meisten Kriteriensätze auf dem Blatt mit Wertungen funktionierten, die von irgendwoher kommen mussten: Überhöht, übertrieben, starke Neigung. Was hat der Herr Doktor gemessen? War das nicht Beliebigkeit, die alles im Vergleich zu einem gewissen Normalmass betrachtete und nichts übrigliess an Persönlichem.
Paranoide Persönlichkeitsstörung
stand über dem Text. Vier bis viereinhalb Punkte erfüllte er, drei hätten für die Diagnose genügt. F60.0. ICD-10, International Classification of Disorders, Chapter V (F): Mental and Behavioral Disorders. Ein Zertifikat: nun, dachte Herr Q., bin ich zertifiziert. Ein zertifizierter Mensch. Ein Brett unten, ein Brett oben, zwei zur Seite – eingesargt.

Herr Q. blickte wieder auf den Fluss hinaus. Beziehungsunfähig, sagte er sich. Darum. Darum gingen alle weg, oder auf eine Distanz, die für ihn schmerzhaft und entwertend war. Und ihn misstrauisch machte. Er war in einem Teufelskreis gefangen – den nur der Teufel selbst hätte aufbrechen können. Ein magischer Kreis: Weil man sich nichts wert war, konnte man anderen nichts wert sein – weil man anderen nicht genug wert war, war man sich nichts wert. Herr Q. schrieb die Sätze auf und war doch unzufrieden, etwas stimmte nicht. Es war zu oberflächlich. Weil man sich keine Lust machte, machte man auch anderen keine Lust – und weil andere keine Lust an einem hatten, hatte man auch keine Lust an sich selbst. Das kam, meinte Herr Q., der Sache näher. Es würde wohl auch der umgekehrte Kreis stimmen, für die Menschen, die eben funktionierten und nicht wie er blockiert und isoliert im Café herumsitzen mussten, um einen kleinen Zipfel an Lebenslust zu spüren. Da fiel ihm ein, es noch anders aufzuschreiben: Weil die Lust, Lust zu haben, so gross und so dringlich war, immer gewesen war, konnten andere nicht wagen, ihre Lust damit zu verbinden. Die Spiegelung des Paranoiden: er war gefährlich. Unlösbar der Kreis. Man müsste der Teufel sein, um ins innere des Kreises vorzustossen, wo er auflösbar würde – und der Teufel wäre schon dort, käme von dort, ich käme in mein Eigenes, und es würde mich nicht annehmen, es würde mich ausstossen: Genau so produziert es sich, reproduziert es sich und dreht sich zum Kreis, indem es ausstösst, was es ist, und darum alles bedeckt, über alles herrscht und alles in Verzweiflung treibt.   Es ist ein Todesurteil, sagte er sich, und der Doktor hat es im Namen des Volkes ausgesprochen. Ein Todesurteil für das, was ich bin, dieses Zuviel, das diffus gespürt wird und die bekannten Reaktionen auslöst, und das als das Kranke gilt und – welch ein Fortschritt, als Symptome benannt werden kann. Herr Q. schrieb weiter: Das wäre ich: unerträglich paranoid, oder das wäre ich, wie einer geschrieben hat: die unerträgliche Chance zu leben. Herr Q. hörte eine Stimme in sich, klar und deutlich: Nach Urteil und Hinrichtung musst du daran denken, zu auferstehen. Er horchte: Es war seine eigene Stimme, wie zum ersten Mal unverstellt.  

Als Herr Q. den Kopf wieder hob, musste er an A. denken und an ihre Beziehung, die eine Art von Liebe ist, halb um den Erdball herum und über das halbe Leben hinweg. Im Januar war A. bei ihm aufgetaucht, zugelaufen, sagte sich Herr Q., wie einem eine Katze zuläuft, und man ihr Milch gibt, und sie bleibt, obwohl man weiss, dass in jeder Katze der Teufel steckt; in A. steckte auch der Himmel, und so waren beide gleichzeitig über ihn hergefallen, Himmel und Hölle, und er hatte nicht mehr gewusst, an welcher Front sich wehren oder welche Gabe annehmen. Konnte er auf der einen Seite standhalten, wurde er auf der anderen zerzaust, wandte er sich gegen die andere, schlug ihn die erste in die Flucht. Himmel und Hölle fielen ihm beide abwechselnd auf den Kopf, er versuchte sich zu behaupten, sich zusammenzuhalten – er fand sich am Punkt Null. Jede Ausbreitung seiner Person auf Nichts zusammengeschrumpft. Herr Q. war das Atom seiner selbst geworden, alle Energie eingebunden in das Bündel Elend, als das er im Café sass, von aller Welt getrennt, ausser von ihr. Was ihm als Beweis erschien, dass das Atom vielleicht doch eher ein Senfkorn sein könnte.   (23.8.08) 
  
(Anmerkung: der Schluss ist die Verschiebung von der Naturwissenschaft zur Religion, von objektiverter Ansicht zur Poesie.) 1.12.08